Tempofahrt über den Indischen Ozean

4.7. – 16.7.2026

Im Moment befindet sich unsere Lupina im Langfahrten Modus. Und bisher meistert sie das sehr gut. Bereits befinden wir uns 1’135 Seemeilen von Indonesien weg im Indischen Ozean. In den nächsten Tagen wartet nun die Königsetappe auf uns: 2’020 Seemeilen von Cocos Keeling nach Rodrigues (gelbe Strecke). Es wird ein Verschleisskampf für Material und Mensch, denn dieser Teil des Indischen Ozeanes ist bekannt für starke Winde und vor allem für seine aggressiven Wellen. Es herrscht ein dauernder Grundschwell von 3-4 Metern aus der Antarktik im Süden. Dieser trifft fast im rechten Winkel auf die normalen Windwellen, die mit 2-3 Meter auch nicht gerade gering sind. Ein richtiges Sprudelbad wartet auf uns.
Am 4.7.2026 gehen wir Anker hoch. Über Tage haben wir das Wetterfenster beobachtet und eine Windphase abgewartet, wo es beim Start nicht allzu stark bläst, so dass wir nicht gerade vom Start weg im Kampfmodus beginnen müssen. Danach erwartet uns für eine Woche kräftiger Wind aus Südost, was sehr gut ist, leider aber auch viel Regen. Aber da müssen wir halt durch.
Wir sind den auch kaum aus dem Atoll draussen, haben Segel gesetzt und den Kurs aufgenommen, als sich die ersten düsteren Regenwolken am Horizont aufbauen.
Es dauert nicht lange, sieht es aus unserem Cockpit Fenster so aus. Wir sind zum wiederholten Mal richtig froh um unser festes Cockpit: es schützt uns einfach wirklich sehr gut vor Wind und Nässe.
Dauerregen und starker Wind fegen über uns hinweg.
Zusätzlich zum schlechten Wetter kommt in der ersten Nacht ein Problem dazu! Wie immer mache ich vor Tagesende einen Kontrollrundgang und finde im Motorraum viel Wasser am Boden, auch die Wände sind verspritzt. Ein Geschmackstest auf der Zunge bestätigt: Salzwasser. Ich bin für den Moment geschockt. Nach intensiver aber vergeblicher Suche will ich den Motorraum schon wieder verlassen, als es bei einer starken Welle von der Decke spritzt. Schnell ist die Ursache, und zum Glück auch eine Lösung gefunden. Die starken Wellen und vor allem die schnelle Fahrt erzeugen im Wellenrohr einen hohen Wasserdruck. Die in Singapur eingebaute neue Wellendichtung meistert das problemlos. Über die Entlüftungsleitung der Dichtung wird aber bei diesem starken Druck Wasser bis an die Decke hochgedrückt. Mit einem Holzzapfen schliesse ich die Leitung. Problem vorerst gelöst!
Endlich: nach 2 Tagen Licht am Horizont – oder zumindest mal wieder die Sonne. Leider nur gerade in den frühen Morgenstunden.
Auch am 3. Tag auf See: viele Wolken am Himmel. Aber: der Wind bleibt konstant hoch und wir machen schnelle Fahrt.
Um unsere Flagge vor Verschleiss zu schützen bleibt sie während der ganzen Fahrt weggebunden.
Die Wellen bleiben hoch und ungemütlich. Allerdings werden sie allmählich etwas länger und damit weniger aggressiv. Trotzdem müssen wir uns immer gut verkeilen, um nicht von der Sitzbank zu fliegen. Als Pia ziemlich am Anfang unserer Reise helfen wollte, die Kuchenbude zu installieren, hat sie den Halt verloren und ist rückwärts mit dem Rücken an die Kante des Cockpits geschleudert worden. Dabei hat sie sich eine schmerzhafte Prellung und eine angerissene Rippe (wie ein Röntgenbild nach unserer Ankunft auf Rodrigues zeigen sollte) zugezogen. Also absolut verständlich, wirkt hier ihr Lachen etwas gequält. Aber sie schlägt sich für den Rest der Reise sehr tapfer!
Abendrot am 5. Tag auf See. Die Zonen mit Schlechtwetter werden kürzer und der Himmel klart allmählich auf. Immer noch schiebt der Wind uns kräftig voran. Wir haben jetzt eine stabile Lage und wir brauchen fast keine Anpassung der Segelstellung vorzunehmen.
Auch wir können es nun etwas gemütlicher angehen und kommen viel zum Ruhen.
Das Schaukeln und Rollen begleitet uns aber fast über die ganze Strecke, wie das Bild des Wasserstrahles in der Küche gut zeigt.
Unsere häufigste Segelstellung bei der Querung des Indischen Ozeanes. Bei Winden von hinten bis etwa 120 Grad schräg auf die Backbordseite (linke Seite des Schiffes) segeln wir mit der sogenannten Schmetterling-Segelstellung. Dabei zeigt das Grosssegel nach Steuerbord und des Genua Segel nach Backbord.
Dreht der Wind weiter zu Seite oder gar nach vorne wird die Genua auf die gleiche Seite geschiftet wie das Grosssegel. In dieser Segelstellung machen wir die schnellste Fahrt. Auch liegt die Lupina so am stabilsten im Wasser.
Ein Snapshot unserer Fahrt bei Wind aus südlicher Richtung. Er trifft mit über 21 Knoten aus etwa 90-100 Grad auf die Backbordseite des Schiffes (linkes Anzeigeinstrument). Zum Zeitpunkt des Bildes saust die Lupina gerade mit 12 Knoten (rechte Anzeige) eine Welle hinunter. Auf flachem Wasser würden wir bei diesem Wind etwa 8 Knoten machen, was auch sehr schnell ist für ein Schiff unserer Grösse.
Nach nicht ganz 6 Tagen haben wir die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Bergpreis – das muss gefeiert werden! Wir haben uns extra dafür 2 Bunda»berg» aufgespart – alkoholfreies Gingerbier aus Australien.
Bei einer Distanzfahrt sind meine Sinne immer besonders angespannt. Jedes unbekannte Geräusch oder dessen Veränderung kann bedeuten, dass irgendwo ein Verschleiss oder sogar ein Defekt eingetreten ist. Je früher man dies erkennt, umso grösser sind die Chancen, noch grössere Probleme abzuwenden. Während der schnellen Fahrt nehme ich immer wieder ein lautes Knarren aus dem Heckbereich wahr. Da befindet sich das Ruder! Also muss ich nachschauen. Unter erschwerten Bedingungen – es rollt und stampft im Dauerbetrieb – grabe ich mich im Heckbereich unter unsere Kojen, um zu kontrollieren, ob ich irgendetwas erkennen kann. Zu meiner Erleichterung stelle ich fest, dass an der Lagerung des Ruders und an seinem Verstellmechanismus alles in Ordnung ist. Das Knarren rührt von den Holzverstrebungen im Rumpf des Bootes. Diese unterliegen bei dieser Belastung natürlich grösseren elastischen Bewegungen, was das Knarren erklärt. Entwarnung also!
Ein vielleicht historisches Bild unserer Weltreise: am 11. Juli 2026 legen wir innerhalb 24 Stunden eine Distanz von 201.1 Seemeilen (373 Kilometer) zurück. Eine solche Distanz innerhalb 24 Stunden hat Lupina noch nie zurückgelegt. Obwohl die Bedingungen nicht gerade komfortabel sind, braust Lupina ungestüm Richtung Westen. Wind, Wellen und eine uns gutgesinnte Strömung unterstützen sie dabei. An diesem Tag beträgt die durchschnittliche Geschwindigkeit 8.4 Knoten (15.6 km/h) und einmal waren wir sogar 14.3 Knoten (26.5 km/h) schnell, vermutlich bei einer sehr hohen Welle.
Das Wetter bessert sich immer weiter auf, wir haben in dieser Phase nun kaum noch Regen. Auch der Wind reduziert sich etwas.
Leider fällt der Wind dann fast einen Tag lang so weit zusammen, dass unsere Segel immer wieder stark schlagen, wenn uns eine grosse Welle hin und her wirft. Unser Sportlerherz weigert sich, die Segel einzurollen und den Motor zu starten.
Solche Perioden mit schwachem Wind sind immer gefährlich, denn es gibt dabei sehr viel Bewegungen im Rigg. Regelmässig steige ich auf Deck, um nachzuprüfen ob alle Leinen noch fest sind, oder ob das Segel irgendwo scheuert.
Bei schlechtem Wetter bleiben wir konsequent im Cockpit und steigen nur bei Bedarf an Deck. Nun hat sich das Wetter so weit gebessert, dass «Ausflüge» auch ohne besonderen Grund möglich werden.
Sogar für ausgiebige Körperpflege sind die Bedingungen gut genug.
Der letzte Sonnenaufgang auf hoher See.
Wie immer feiern wir eine erfolgreiche Nachtfahrt mit …? Ja mit was denn??
Ja, natürlich: mit einem RAGUSA!!

Es liegen jetzt noch etwas mehr als 120 Seemeilen vor uns. Wir vermeiden normalerweise eine Ankunft bei Nacht, aus Gründen der Sicherheit. Von anderen Seglern haben wir aber Wegpunkte erhalten und die Anfahrt zum Ankerplatz ist frei von gefährlichen Hindernissen. Wenn alles gut läuft, dann liegen wir also beim nächsten Sonnenaufgang bereits vor Anker.

Und es läuft gut – sehr gut sogar: 11 Tage und 18 Stunden nach der Abfahrt in Cocos Keeling liegt Lupina sicher auf Rodrigues vor Anker. Genau 2’023 Seemeilen (3’747 Kilometer) liegen hinter uns, welche unsere Lupina mit durchschnittlich 7.1 Knoten (13.1 km/h) durchpflügt hat. Nun hat sie Ruhe verdient. Obwohl 5 Uhr früh Bordzeit (3 Uhr lokale Zeit) lassen wir es uns nicht nehmen, vor der verdienten Bettruhe noch einen Ankertrunk zu geniessen.
Normalerweise setzen wir Gastlandfahne und Q-Flagge, sobald wir ins Hoheitsgewässer eines neuen Land einfahren. Das wäre in der Nacht gewesen. Da traditionsgemäss immer Pia die Ehre zufällt, die Flaggen zu setzen, haben wir die Zeremonie auf die frühen Morgenstunden am Ankerplatz verschoben. Hier hat es keine Wellen und es ist somit sicher für Pia’s angeschlagene Rippe.
Kurz nach Sonnenaufgang werden wir per Funk von der Coast Guard aufgerufen und gebeten, mit dem Schiff an die Hafenmauer zu kommen, um dort die Einklarierung vorzunehmen. Der Reihe nach kommen alle Behörden zu uns aufs Schiff: Gesundheitsbehörde, Coast Guard (Bild), Zoll und Immigration. 2 Stunden später sind wir einklariert und legal im Land.
Nun liegt Lupina sehr gut geschützt im inneren Hafenbecken von Port Mathurin. Es ist aussergewöhnlich, dass ein Segelschiff so nahe beim Hafen ankern darf. Die Behörden sind diesbezüglich sehr entspannt. Sie informieren uns bloss, dass wir kurz Platz machen müssen, wenn ein Frachtschiff anlegen oder abfahren will. Das passiert alle 1-2 Wochen einmal.

Die nächsten 1-2 Wochen wollen wir nun Rodrigues erkunden und Lupina pflegen, bevor es dann weiter geht nach Mauritius. Mehr dazu im nächsten Bericht.

Es bleibt spannend! Folge der Lupina im Kielwasser!