Von Borneo nach Flores

Das Reiselogbuch des «Kepiting Batu» (auch bekannt als Robin Locher)
18.3. – 4.4.2026

Nach zehn erlebnisreichen Tagen an Land sind wir wieder auf See. Hinter uns wird die Südküste Borneos langsam blasser und verschwindet schlussendlich ganz. Gelegentlich umkreisen uns ein paar Möwen auf der Suche nach einem gemütlichen Rastplatz – ansonsten wird es ruhig auf der Lupina. Wir setzen Kurs auf eine Ansammlung kleiner, abgelegener Inselgruppen, entlang derer wir gegen Südosten segeln wollen. Strecke und gemütliches Inselhüpfen in einem, soweit der Plan.
Pulau Matasiri, der erste Inselstopp, hält nicht zurück mit Postkartenromantik. Zwei Nächte ankern wir in einer malerischen Bucht in der Nähe eines Fischerdorfes. Das Wasser aber ist sehr trüb, die Sicht beträgt etwa 3m. Ohne Erwartungen wage ich eine Schnorchelei und siehe da, das Glück ist mir hold! Direkt unter der Lupina kreist gemächlich ein riesiger Schwarm Fische mit Exemplaren bis zu 80cm. Ich denke, es ist ein Schwarm junger Gelbflossen-Barracudas. Sie scheinen sich im Schatten der Lupina auszuruhen. Entlang der Ankerkette klettere ich soweit mir möglich runter und lasse mich dann zurück an die Oberfläche treiben – mitten hindurch durch den Schwarm. In der Luft über uns kreisen zwei Seeadler.
Am dritten Tag verlegen wir den Anker an einen wunderschönen Flecken an der Nordspitze von Matasiri. Diesen abgeschiedenen Strand hatten wir bereits bei der Ankunft angesteuert, wurden aber von lokalen Fischern weiter in die Bucht gelotst. «Nicht gut» hatten sie signalisiert. Heute wollen wir es trotzdem versuchen. Das Ankern gelingt und wir schnorcheln ausgiebig die naheliegenden Korallenköpfe ab. Pia schwimmt unterdessen zum Strand. Dort entdeckt sie seltsame Schleifspuren, vom Wasser bis ins Unterholz, wo sie prompt einen etwa 1.5m langen Drachen erspäht: einen Waran!
Strandputz: Bewaffnet mit einer Kühltasche voll Bier setzen wir etwas später zum Strand über – in grösstmöglicher Distanz zum Drachen (der sich nicht mehr blicken lässt), versteht sich. Gelegentlich und an wirklich abgelegenen Orten machen Pia und Köbi ein Feuer am Strand und widmen sich dem grossen Elefanten im Raum, der auf Ferienfotos nie aufzutauchen scheint: dem schier endlos anwachsenden Berg aus Plastikmüll, der sich unaufhörlich über den ganzen Erdball verteilt. Auf einem Teilstück des Strandes sammeln wir das Schwemmgut ein und übergeben es unserem möglichst heissen Lagerfeuer. Es ist eine Art privates Ritual der Beiden und unweigerlich beginnen wir zu diskutieren. Was soll man tun? Welches ist besser, wilde Verbrennung oder Mikroplastik? Wo sind die grossen Hebel, Produktion oder Entsorgung? Bei wem liegt die Verantwortung?
Laut Wetterbericht sollte der Wind stimmen. Damit wir zu geeigneter Zeit an der nächsten Station ankommen, wird es erneut eine Nachtfahrt. Nach kurzer, guter Fahrt fällt der Wind aber arg zusammen. Gemeldet waren bis 13 Knoten Windstärke, bei uns kommt aber gerade mal ein laues Lüftchen mit 4 Knoten an. Mit knapp gefüllten und schlagenden Segeln schaukeln wir in die Nacht hinein. Aber es wird nicht besser. Zu allen Seiten reihen sich Gewitterzellen am Horizont und der Wind beginnt beliebig die Richtung zu wechseln. Der Regen hat uns eingeholt und die Windanzeige (der Verklickerer) dreht sich nun im Kreis, wie die Zeiger einer Uhr im Zeitraffer. Die Strömung treibt uns vom Kurs ab und wir haben zu wenig Fahrt um Gegensteuer zu geben: Die Lupina kommt ins Trudeln. Nach Mitternacht muss für ein paar Stunden der Motor ran.
Pulau Masalima erreichen wir gegen Mittag. Die flache Insel ist rundherum von flachgründigen Riffen umgeben und die Seekarte ist uns keine Hilfe. Köbi konsultiert die Satellitenbilder und findet einen traumhaften Ankerplatz auf einer knappen Sandbank. Jetzt erst mal ein Ankerbier mit gebratenen Reisplätzli à la Chabischopf.
Das Schnorcheln vor Masalima ist der helle Wahnsinn! Nach aussen hin steil abfallende, blendend weisse Sandbänke vor ausgedehnten Riffen. Wir sehen duzende bunter Fischarten, graue Rochen, Rochen gepunktet wie ein Gepard in schwarz-weiss, eine stattliche Moräne, Steinfische (sehr giftige Stacheln – Lebensgefahr!), einen farbwechselnden Tintenfisch und zum Abschluss noch eine Geigenroche (wie ein Haifisch, der den Kopf in den Sand steckt). Selbstverständlich haben wir heute keine GoPro dabei, also bekommt ihr hier eine spätere Aufnahme von diesen seltsamen farbigen «Meeressocken» serviert. Auch nicht übel, schliesslich sind wir hier nicht bei Netznatur!
Bis hier hin lief alles einigermassen nach Plan. Damit ist nun Schluss. Nach Masalima steuern wir Pulau Tobotobo an. Unterwegs kommen aber Zweifel auf und wir lassen die Insel links liegen: zu schwierig scheint der Ankergrund, zu gering die Windabdeckung durch die Insel (Stichwort Seegang).
Wir stellen uns auf eine weitere Nachtfahrt ein und gegen zehn Uhr morgens des Folgetages erreichen wir Pulau Jailamu, eine Mini-Insel am Nordende der Sabalana Inseln. Köbi führt das Logbuch nach, Pia lädt den aktuellen Wetterbericht runter und sucht nach geeigneten Ankerplätzen für die kommenden Tage. Rollende Planung.
Die Insel Jailamu erhebt sich steil aus der Javasee. Eine starke Meeresströmung umfliesst das Eiland und formt auf der abgewandten Seite eine lange Sandbank. Hinter dieser suchen wir Schutz vor dem Schwell. Erst einmal sieht alles rosig aus. Etwa 4.5 Meter über feinstem Sandboden lassen wir den Anker fallen. Dieser schlägt mit einer Staubwolke auf Grund auf, so klar ist das Wasser!
Aber zu früh gefreut. Gegen Abend steigt das Wasser mit der Flut und schwappt über unsere schützende Sandbank. Rechts im Bild sieht man die mittlerweile überspülte Sandbank. Die Strömung wird immer stärker und Gewitter mit Sturmböen ziehen auf. Die Ankerwache (ein Programm, das die Bewegung des Schiffes am Anker aufzeichnet) erzeugt Pirouetten um den Anker und gibt Alarm. Wir driften samt Anker. Fluchtartig verlassen wir Jailamu und setzen die Segel für eine dritte Nachtfahrt in Folge. Neues Ziel: Südsulawesi.
Langsam gehen die frischen Nahrungsmittel aus, höchste Zeit für die Angelrute. Tatsächlich beisst bald ein richtiger Brocken an – ein stattlicher Barracuda. Aufgrund des Risikos einer Ciguatera-Vergiftung durch Algentoxine, die sich in diesen Fischen am Ende der Nahrungskette anreichern, wird vom Verzehr grösserer, tropischer Barracudas abgeraten. Leider hat sich unser Fisch im Überlebenskampf aber den Kiefer derart verletzt, dass wir ihn dennoch mit Schnaps betäuben, töten und bei der Gelegenheit auch filetieren. Wir lesen, dass in Bali der Barracuda eine Delikatesse ist, sofern der Fisch nicht zu gross ist. Unser Fang ist sehr gross. Nach einigem Abwägen entscheiden wir uns gegen den Verzehr – eine allfällige Vergiftung weit abgeschieden auf hoher See käme höchst ungelegen.
Zwischen zwei bewaldeten Inseln vor der Westküste von Pulau Jampea (Selayar Inselgruppe) finden wir einen traumhaften Ankerplatz. Nach unserer Ankunft stoppt der Wind für mehrere Tage und das Meer wird spiegelglatt.
Allabendlich beschert uns die Sonne einen Untergang, bei dem kein Auge trocken bleibt. Wir rehydrieren mit dem obligaten «Sundowner» und Salznüsschen. Zeit um die Seele baumeln zu lassen.
Im Indonesischen Heidiland: Die hügeligen Inseln sind unwegsam und stark bewaldet. Hie und da nestelt sich ein Fischerdörfchen in eine Bucht. Im Uferbereich wechseln sich Mangroven mit felsigen Abschnitten ab, manchmal ist das Wasser trüb, manchmal klar. Auf unserer Entdeckungsfahrt mit dem Dingi halte ich heimlich nach Krokodilen Ausschau … würden diese bis zur Lupina hinausschwimmen und mir beim Schnorcheln zuschauen?
Bei den Anlegestellen zwischen den Mangroven sehen wir mehrmals Bambuszäune und im Unterholz finden wir sauber abgegraste Stellen: Waldweiden mit Bambuskoppeln zum Verladen von Kleinvieh – Weidwechsel per Boot! Später erspähen wir tatsächlich eine kleine Ziegenherde, samt Glöcklein. Das beruhigt mich: wohl keine Krokodile hier!
Bei glatter See verlegen wir den Anker weiter hinaus auf eine vorgelagerte Sandbank in etwa sechs Metern Tiefe.
Sozusagen auf offener See schnorcheln wir tagsüber ausgiebig die umliegenden Riffe ab. Abends geniessen wir das Lichtschauspiel am Horizont. Dabei funkeln erst einmal die Augen, dann die Sterne.
In den schönen Unterwasserlandschaften rund um die Lupina treffen wir auf Seegurken, Riffhaie, Papillionfische und viele bunte Korallen.
Wir erspähen einen riesigen Steinfisch von einem guten halben Meter Länge und hinter dem nächsten massiven Korallenkopf schwimmen wir beinahe in eine riesige Meeresschildkröte! Minutenlang beobachten wir sie aus nächster Nähe beim Arbeiten, bevor sie uns entdeckt und unverzüglich davonzischt. Leider, wie oft in solchen Momenten, ist die Kamera nicht dabei. Der geneigte Leser wird sich auch hier mit einer Roche zufriedengeben.
Das Brettspiel «Brändidog» gehört auf der Lupina seit Jahren fix zum Abendprogramm. Käpt’n Köbi und Herausforderer Kepiting Batu in verbissener Zuversicht. Aber gute Karten sind noch nicht alles!
Schön war’s in Sulawesi! Ein neuerlicher Abschied, morgen geht’s weiter.
Wieder unterwegs, diesmal von Sulawesi nach Flores. Im Gegensatz zur flachgründigen Javasee fällt die Floressee an den tiefsten Stellen bis zu 5’000 Meter ab. Hier könnte man «z Horu» (Matterhorn) komplett versenken und in der Hörnlihütte müssten die Lampen auch tagsüber brennen!
Die «Mattini» (Zermatter) im Publikum haben jetzt bestimmt grösste Mühe, sich etwas derartig blasphemisches bildlich vorzustellen. Voila, in etwa so würde das aussehen. Einfach immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel, wa’?!
Pünktlich zum Sonnenaufgang erreichen wir die Insel Flores. Köbi dreht bei und erst einmal gibt’s eine Tasse Kaffee. Wir haben es geschafft! Gemächlich tuckern wir die letzten Meilen entlang der Küste Richtung Labuan Bajo.
Labuan Bajo ist ein umtriebiges Städtchen an der Westküste von Flores. Der Tourismus hat Einzug gehalten. Im Hafenquartier reihen sich die Tauchschulen an Reisebüros, welche vorrangig Exkursionen ins famose Naturschutzgebiet Komodo organisieren. Entlang der Küstenpromenade bringen Fischer ihren Fang zu den Marktständen, welche zugleich auch immer Imbissbuden sind. Markt hinten, vorne zum Meer hin Tische und Bänke.
Ahoi Kammeraden …
Kepiting, der alte Pirat, hat Lupina’s Schiffsbauch regelrecht leergefuttert! Jetzt heisst es: Neues Futter bunkern! Dazu gibt es keinen besseren Ort als den lokalen Frischwarenmarkt.
«Das sollte doch reichen!» meint dieser Händler.
Wir verbringen unsere letzten gemeinsamen Tage vor Anker bei einem kleinen Resort, nördlich von Labuan Bajo.

In wenigen Tagen muss ich mir wieder Landbeine zulegen! Kepiting Batu verabschiedet sich vom Lupina-Blog und übergibt an die neuen Gäste aus der Schweiz. Ihr dürft euch also auf baldige Abenteuer aus Flores und Komodo freuen: Traumhafte Inseln, hinreissende Tauchplätze und urzeitliche Drachen mit der SY Lupina!

Überblick über die Strecke, die wir während den letzten drei Berichten zurückgelegt haben.
Liebe Pia, lieber Köbi. Tausend Dank für die unvergesslichen gemeinsamen Erlebnisse, die ihr mir geschenkt habt. Möget ihr noch unzählige Meilen mit der Lupina segeln, die Nase im Wind, den Versprechen neuer Kontinente entgegen. Hin zu weiteren Begegnungen mit unbekannten Gewässern und sicheren Ankerplätzen, die unser Leben bereichern. Merci!!