Das Reiselogbuch des «Kepiting Batu» / 18.2. – 6.3.2026
Ich war noch nie auf einem Segelboot. Als mich die positive Antwort von Pia & Köbi erreicht, freue ich mich riesig. Ich hatte über die letzten 8 Jahre ihrer Segelreise immer mal wieder etwas über die Beiden und ihre Reiseroute vernommen. Nun planen sie von Singapur zurück nach Labuan Bajo zu segeln und laden mich dazu ein – für einen Bergler eine Traumvorstellung! Ich soll in Batam, Indonesien an Bord.
Rasch versuche ich mein Büro auf den Stand zu bringen, verschiebe die betroffenen Aufträge und bin weg, hoch in den Lüften Richtung Osten. Winter und Schnee lasse ich hinter mir, tausche die Wollmütze gegen einen tropischen Exkursionshut.
Pia & Köbi bereiten meine Ankunft vor, inklusive offizielle Anmeldung des neuen Crewmitglieds, und treffen mich am Fährhafen. Über Golfplätze und ramponierte Betonstege, entlang einer wildschönen Küste wandern wir zusammen zur Nongsa Point Marina, zur Lupina. Frisch angekommen, willkommen in Indonesien!Die Marina liegt in unmittelbarer Nähe von zwei schicken Resorts. Diese werden vornehmlich von Gästen aus Malaysia oder Singapur besucht, bieten wunderschöne Jettys (ein Steg hinaus ins Meer) inkl. Bar, Schwimmbecken, Restaurants und jeweils eine eigene Band zur musikalischen Unterhaltung. Am Horizont kann man noch die riesenhaften Frachter vor Singapur ausmachen.Der letzte Abend bevor wir in See stechen wird etwas länger als erwartet. Nach einem feinen Nachtessen im Restaurant lädt uns der Manager der Marina auf einen Schlummertrunk an die Bar: Jägermeister mit Redbull. Ganz im Sinne des kulturellen Austausches auf Augenhöhe versuche ich mich als Barmixer mit «Flämmli a la Orangenlikör». Abgerundet wird das Ganze in lokaler Manier mit einer mitternächtlichen Ochsenschwanzsuppe. Wer will es einem übel nehmen, dass der Frischling am ersten Morgen an Deck noch etwas «kopflos» im Mast rumhängt?Pia und Köbi sind wunderbare Gastgeber auf der Lupina. Sie zeigen mir die grundlegenden Abläufe auf der Lupina, weisen mich in die ersten Seglerbegriffe und Kniffe ein, sind aufgestellt und machen lecker’ Frühstück! Ich freue mich, so herzlich willkommen geheissen zu werden.Pia und Köbi äussern ihr dringliches Anliegen, dieses Bild in den Bericht zu nehmen. Jedes Gasti* auf der Lupina ist demnach sanftenst angehalten ein paar Stängel Ragusa mitzubringen – für die Nachtfahrten 😉 * dieser Abschnitt wurde entgendert nach PhettbergDas Zusammenleben auf einer Yacht und in einer Alphütte ähnelt sich doch sehr. Man lebt und funktioniert zusammen, bringt sich ein und nimmt sich zurück, gibt von sich Preis und hört zu, formuliert Regeln und versucht, gemeinsam frei zu sein.Singapur war ein gewichtiger Stopp für die SY Lupina. Feststoffhaltig war anscheinend auch die dortige Luft, denn die Tage in der Grossstadt hinterlassen eine dunkle Schicht auf allen Oberflächen, selbst auf den «Unterflächen»! Was mich betrifft: So wäscht man sich rein ins Vergnügen. Hand gegen Koje.In Tagesetappen von rund 30 Seemeilen segeln wir die nächsten Tage in Richtung Südwesten. Wir ankern an vor Wind und Wellen geschützten Stellen und schlafen mit offenen Luken. Von den umliegenden Moscheen wehen lautsprecherverstärkte Abendgesänge zu uns herüber. Gelegentlich sind es bis zu einem halben Duzend gleichzeitig. Der Ramadan hat begonnen und das Wetter ist uns hold.Die Seglersprache klingt für Laien wie Kauderwelsch mit sieben Siegeln. In diesen ersten Tagen muss ich oft die Ohren gut dicht nehmen, will ich nicht andauernd die Lernkurve reffen müssen. Jedenfalls zeigt mir Köbi hier, wie man das Genoa ausbaumt … Gemäss ehrwürdiger Seemannstradition wird nicht einfach mir nichts dir nichts der Äquator überquert: der Neuling muss getauft werden. Hier sieht man «meine» Äquatorinsel mit dem klingenden Namen Belading. Ich schreibe sie künftig mit doppeltem L.Die Äquatortaufe. Jedes Ritual kennt eine genaue Form. Bei dieser Zeremonie schlüpfen die erfahrenen Seeleute in die Rollen von Neptun und Tethis. Der Neuling – die Kaulquappe – wird von Neptun mit Reis bestreut und mit Wasser getauft. Aus einer Kaulquappe wird «die Steinkrabbe»!Tethis kleidet den Frischgetauften neu ein. Das Piratentuch leistet mir seither wunderbare Dienste, besonders als Kopfbedeckung beim Schnorcheln. Die Augenklappe erlaubt es mir bei langen Überfahrten heimlich auf einer Seite zu dösen! Fertig ist der Pirat Kepiting Batu (Kepiting = Krabbe / Batu = Stein, in indonesischer Sprache)Von der Insel Lingga machen wir eine Nachtfahrt bis Belitung. Die Distanz ist zu gross, als dass sie an einem Tag gefahren werden könnte. Pia macht die erste Schicht bis Mitternacht, Köbi die zweite bis zum Morgen. Die aufgehende Sonne taucht alles ringsum in weiches Licht.Eine Nachtfahrt ist eine spannende Sache. Als Seglerneuling staune ich über die technischen Möglichkeiten der Lupina. Die menschliche Nachtblindheit wird kompensiert. Mit Hilfe von Segelkarten und Radar schauen wir meilenweit voraus und das AIS (Automatic Identification System) versorgt uns mit Informationen, unter anderem zu Position, Fahrtgeschwindigkeit, Typ und Namen der registrierten Schiffe im Umkreis. Schwierig wird es bei den kleinen, hölzernen Fischerbooten. Oftmals sind sie schwach beleuchtet und hier hilft uns nur das Auge. Die Nacht wird immer tiefer, ab und zu ändern wir kurzzeitig den Kurs, um einer möglichen Kollision vorzubeugen. Einmal funkt uns ein Schleppschiffkapitän netterweise gar an: «Lupina Lupina!! Passing starboard to starboard!» Wir bedanken uns und wünschen eine gute Fahrt. So geht das!Belitung begrüsst uns am nordwestlichen Zipfel mit markanten Formationen verwitterter Steine, wie Fabelwesen aus einer imaginären Urzeit, welche sich in die Gegenwart retten konnten. Prominent positioniert sich dieser «Adlerstein» (Batu Garuda) am nordwestlichen Zipfel der Insel. Für mich sieht er eher nach einer «Spitznasenschildkröte» aus. Urteile selbst.Steine ragen wie (etwas abgeschliffene) Haifischzähne aus dem Meer, als sollte jeder unachtsame Segler verschlungen werden. Der zugeneigte Leser möge mir eine etwas tierische Metaphorik nicht übelnehmen, denn als frischgetaufte Steinkrabbe steht mir dies sicherlich zu. Ist es nicht so, dass diese Felsen gleich den Zahnreihen eines Meeresjägers immer plötzlich, immer unerwartet auftauchen? Und in diesen Gewässern sogar oft ohne auf einer Seekarte vermerkt zu sein!Wie jeder verwegene Seefahrer weiss, wird die Gefahr oft von einer äusserst anziehenden Ästhetik begleitet: die Strände sind weiss, das Wasser klar und die Riffe in Schnorcheldistanz! Unweit von unserem Ankerplatz, im Schutze der Steinschildkröte finden wir weitläufige Schnorchelplätze mit Korallen, Schwärmen kleiner bunter Fische, riesigen Seeigel, Anemonen mit drolligen Clownfischen in angenehm tauchbarer Tiefe. Am Dritten und letzten Tag erspähe ich sogar eine Roche, die flink unter den Korallen verschwindet.Unsere Bucht beherbergt duzende bunter Holzschiffe mit Sonnendach, welche manchmal zum nächtlichen Fischen vor der Küste und manchmal bei Schnorchelausflügen oder sogenanntem Inselhüpfen für die meist inländischen Touristen verwendet werden.Landgang: Die Bucht bietet malerische Ausblicke. Hier mit der geankerten Lupina. Aber auch wir scheinen beliebte Fotosujets zu sein. Oft werden wir zu Gruppenfotos eingeladen. Auf diese Weise lernt man spielend von Drei rückwärts zu zählen, und zwar auf Indonesisch. In Sachen Fotos scheinen die Leute hier keine Scheu zu kennen. Gut für meinen Bericht!Neben dem Anlegesteg entlang der Küste reihen sich etliche kleine Verschläge mit Restaurants und schattigen Sitzgelegenheiten. Aber sie warten auf Gäste. Zurzeit sind wir beinahe die einzigen Besucher, wahrscheinlich liegt das am Fastenmonat Ramadan. Keine Ahnung, was die beiden Frauen zubereiten. Aber sieht lecker aus.Die typischen, hölzernen Fischerboote werden in Handarbeit vor Ort gebaut. Die Holzelemente werden genagelt, manchmal kommen auch Holzdübel zur Anwendung. Zwischen die Bretter des Schiffrumpfs wird zur Dichtung ein knautschbares Kunststoffband gelegt.Für die Unterhaltsarbeiten werden die Boote trockengelegt. Hierfür wir das Boot mit jeweils zwei gebundenen Stämmen in der Waage gehalten – einer quer über das Deck und der andere parallel dazu unter dem Rumpf. Hier sehen wir eine Spielart ebendieser Methode.Muss der Rumpf neu bepinselt werden, wird vorerst mit Gasfeuer abgeflammt und mit dem Spachtel die alte Farbe abgeschabt. Dieses Boot wird neben der Fischerei auch als Touristentaxi eingesetzt, man beachte das Sonnendach.Anfänglich wollten wir von hier aus – dem Nordzipfel der Insel Belitung – mit zwei Nachtfahrten direkt nach Kalimantan übersetzen, doch das Wetter macht uns einen Strich durch die Rechnung. Wir beschliessen einen Umweg einzulegen, was uns erlaubt Belitungs West- und Südküste zu erkunden. Die Gewitterwolken auf Borneo sollen sich ohne uns ausregnen. ROT: die Route von Singapur bis zur Insel Belitung. GELB: die anfänglich geplante Route bis Kumai auf Kalimantan. GRÜN: die angepasste Route entlang der Westküste von Belitung, inklusive Ankerplätze.Nach mehreren Stationen entlang der West- und Südküste von Belitung rückt die Überfahrt nach Kalimantan immer näher. Wir nehmen Abschied von dieser schönen und wahrlich steinreichen Region. Beim Ankertrunk besprechen wir jeweils den vergangenen Segeltag, üben Manöverkritik, schmieden Pläne, studieren die Wetter- und Windvorhersagen und sammeln uns für den folgenden Tag.Für den letzten Ankerplatz vor der Überfahrt finden Pia und Köbi einen idyllischen Ankerplatz neben der klitzekleinen Insel namens Ayam. Wir verweilen einen Tag und nutzen die Zeit zum Schreiben, Vorkochen, Putzen, Berichtschreiben, die Route zu planen, etc… Ich packe die Chance beim Schopf, meine Hängematte erstmals auf einer einsamen Insel zwischen Kokospalmen baumeln zu lassen.Köbi zeigt mir, wie man eine Kokosnuss simpel und effizient schält, aufspaltet und das Fruchtfleisch löst. Der Keim, der sich bei reifen Nüssen aus dem Fruchtfleisch bilden kann, ist ein besonderer Schmaus: Fluffig in der Konsistenz, mit einem sanften Kokosaroma.Der neue, alte Bootsjunge liegt mit vollem Pansen flach auf Deck und erträumt sich fantastische Abenteuer, welche in den nächsten knapp vier Wochen noch auf ihn zukommen mögen. Wie es uns Dreien auf Kalimantan ergeht, erfährt ihr im nächsten Bericht der SY Lupina!
Bevor wir Nagar Ujong westwärts verlassen, erkundigen wir uns im Internet und auf einer WhatsApp Gruppe, wo wir unser Problem mit der undichten Wellenabdichtung gelöst bekommen können. Um die Dichtung zu ersetzen, muss das Schiff aus dem Wasser genommen werden. Bei dieser Gelegenheit wollen wir gleich noch andere periodische Unterhaltsarbeiten, wie etwa ein neues Antifouling (Anstrich des Unterwasserschiffes) und Ersatz einzelner in die Jahre gekommene Borddurchlässe ausführen. Wir schreiben 2 Volvo Vertreter in Jakarta und 2 in Singapore an. Volvo deshalb, weil es der Hersteller der Wellendichtung ist und auch der Motor mal wieder eine Wellnesskur verdient hat. Beide Vertretungen aus Singapore melden sich umgehend, von Jakarta niemand. Schlechte Referenz für Jakarta. Wir hoffen immer noch, dass es in Jakarta klappen könnte, und fahren in Nagar Ujong zusammen mit unserem befreundeten Boot SY Kama los entlang der Nordküste von Flores westwärts.
Der erste Teil der Reise wird zum Tageshüpfen entlang von Flores. Wir freuen uns auf Komodo und Lombok. In Lombok hätten wir nach ursprünglicher Planung das Schiff über Weihnachte stehen lassen und wären in die Schweiz gereist. Wegen dem Wassereinbruch wird nun nichts daraus. Die neue Planung sieht nun vor, zügig in Richtung Jakarta, oder, wenn sich da niemand meldet, der uns helfen kann, direkt weiter nach Singapore zu fahren.Uns fällt positiv auf, dass in vielen Teilen von Indonesien die Fischer ihr Handwerk nach alten Traditionen ausüben. Das war leider nicht immer so, denn es gab Zeiten, da wurde in Indonesien die Natur mit Dynamit und industrieller Grundfischerei systematisch zerstört. Das scheint nun aber Geschichte zu sein. Je nach Region sind die Boote anders gebaut. Dieses hier hat auf beiden Seiten Ausleger, die in der Schiffsachse an Stangen aufgehängt sind. Aus der Distanz könnte man meinen, es laufe eine Spinne übers Wasser.Auf der kleinen, vorgelagerten Insel Bampa Barat ankern wir für eine Nacht und geniessen mal wieder einen Spaziergang an einem einsamen Strand mit anschliessendem Schnorcheln zurück auf das Schiff.Anders als in Australien kann man hier gefahrenlos auch bei Sonnenuntergang um das Schiff schwimmen. Herrlich!Die Nordküste von Flores ist touristisch praktisch nicht entwickelt. Einzig der westliche Bereich ist vor allem bei einheimischen Touristen als Ausgangspunkt für eine Tour zur benachbarten Komodo Insel sehr beliebt. Auch hier, im bekanntesten Ort der Gegend, Labuan Bajo, findet man aber keine protzigen Hotelbauten, sondern sanften Tourismus. Die Ausflugsschiffe, die zum Teil auch mehrtägige Touren unternehmen, sind praktisch alle noch aus Holz gebaut. Ein Werkstoff, der vor Ort wächst, und den die Einheimischen noch sehr gut zu verarbeiten wissen – ein seit Generationen überliefertes Handwerk.In den Strassen von Labuan Bajo herrscht ein wuseliges Treiben. Wir erfahren, dass immer noch viel im Tauschhandel funktioniert. So zum Beispiel wird hinter diesen Fischständen in einem gemeinschaftlich betriebenen Restaurant direkt gegessen, was Fischer in der Nacht gefangen und Landwirte auf dem Feld geerntet haben. Jeder trägt auf diese Weise etwas zum üppigen Abendessen bei.Hier fasziniert uns einerseits die Strassenbautechnik, aber am meisten bestaunen wir die Sonnenhüte der Bauarbeiter!Nicht unsere Idee! Die Kinder sind uns nachgerannt und wollten, dass wir ein Bild machen von ihnen – fröhliche, unbeschwerte Jugend!Natürlich geniessen wir auch immer wieder die leckere einheimische Kost: hier frittierte Calamari und Fisch.Abendstimmung in Labuan Bajo. An vielen Orten ist dem Ufer ein Korallengarten vorgelagert. Damit trotzdem Schiffe anlanden können, haben Hotels und Resorts lange Landestege ins Meer hinaus gebaut. Dieser ist deutlich über hundert Meter lang und sehr robust gebaut.Von Jakarta haben wir 1 Woche nach unserer letzten Anfrage immer noch keine Antwort erhalten. Wir beschliessen deshalb, von Labuan Bajo aus möglichst zügig durch die Flores See in Richtung Java See zu segeln. Es ist nun der 1. November, und es sind ab jetzt bereits die ersten Monsun Einflüsse zu erwarten. Würden wir länger hierbleiben und müssten dann tatsächlich direkt bis Singapore durchsegeln, hätten wir sowohl starke Winde wie grosse Strömung gegen uns. Die ersten Tage der Weiterfahrt sind sehr angenehm, da es fast keine Wellen hat und einigermassen genug Wind zum Segeln. Das Grosssegel bleibt immer auf Backbordseite, die Genua wechseln wir öfter hin und her zwischen ebenfalls Backbordseite oder dann Steuerbordseite mit Spi-Baum.Nach ein paar Tagen kündet sich ein Wetterwechsel an. Der Wind dreht und kommt nun aus westlicher Richtung, am Horizont künden sich schwere Regenwolken an – typisches Monsun Wetter.Es geht nicht lange und wir erleben die ersten Gewitter. Diese beginnen meist mit sich riesig auftürmenden, dunklen Wolken, dann mit einem raschen, heftigen Windanstieg. Am Tag ist das weniger ein Problem, da warnen einem die weissen Schaumkronen auf den Wellen und man kann rechtzeitig reffen. In der Nacht hilft uns das neue Radar, die Regenzellen zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Kurz nachdem dann der Regen einsetzt, fällt der Wind zusammen und nach einer halben Stunde ist der ganze Zauber wieder vorbei. Leider sind die Unwetter in dieser Gegend immer öfter von heftigem Blitz und Donner begleitet. Da würden wir gerne unseren 20 Meter hohen Mast einziehen können. Leider geht das nicht, und es bleibt uns effektiv nicht viel anderes übrig, als auf unser Glück zu vertrauen. Blitzeinschläge sind von Seglern sehr gefürchtet, weil es keine nachweislich brauchbaren, zuverlässigen Blitzableiter gibt.Mit dem Einsetzen der ersten Monsun Ausläufer beginnt eine anspruchsvolle Phase. Die Hauptströmung im Meer fliesst nun von Nordwest nach Südost. Das Bild vom Wetter App «Windy» zeigt die Strömung in der Java See. Der blaue Punkt stellt unsere aktuelle Position dar. In diesem Bereich haben wir mit rund 2 Knoten Gegenstrom zu rechnen.Bei wenig Wind oder gar Gegenwind wird das Vorankommen in einer Gegenströmung schwer. Wir versuchen in die schwächere Strömung nahe der Küste entlang auszuweichen, um beim Aufkreuzen einigermassen gute Wendewinkel zu erzielen. Wir kommen nur langsam vorwärts. Zum Glück lässt die Strömung im 6 Stunden Takt jeweils nach oder dreht sogar um, das hilft uns mindestens zeitweise beim Vorwärtskommen.Je näher wir uns im Küstenbereich aufhalten, umso häufiger treffen wir Fischerboote an. Diese sind vor allem nachts von den Seglern gefürchtet, weil sie auf Radar schlecht oder gar nicht zu erkennen sind, weil sie immer wieder unerwartete Richtungswechsel durchführen, und weil sie manchmal mehrere hundert Meter lange Netze hinter sich herziehen.Dies Typen von Fischerbooten sind sehr schnell. Gefährlich sind sie vor allem, weil man sie auch bei Tageslicht nur schlecht sieht und sie lange Schleppleinen hinter sich herziehen.Diese kleinen Fischerboote machen uns weniger Sorgen.Im Kampf gegen Wind und Strom brauchen wir unseren Motor viel häufiger, als geplant. Das letzte Mal haben wir in Australien Diesel gebunkert. Ein Schiff aufzutanken ist in Indonesien recht schwierig. Zum Glück haben wir seit Australien nun auch Starlink an Bord und können vom Schiff aus ins Internet. Dort finden wir heraus, dass wir angeblich auf der Insel Bawean Treibstoff kriegen können. Am 8. November erreichen wir die kleine Insel in der Java See und ankern direkt neben diesen schön bunten Fischerbooten.Bereits am nächsten Morgen liefert uns Bung Dj Gaul – kurz «Dj» genannt – mit seinen 3 Helfern 400 Liter Treibstoff. Es ist kein Diesel, wie wir ihn kennen, sondern ein aus alten Pneus durch chemische Zersetzung hergestellter Treibstoff, hier «Bio Solar» genannt. Wir waren sehr skeptisch und hatten uns vorher über Internet Foren erkundigt, ob dieser Brennstoff von unserem Motor verwertbar ist. Die Informationen waren durchwegs positiv, jedoch müsse man sehr auf die Sauberkeit achten. Nun, ich lache zwar auf dem Bild, aber 2 Kanister (insgesamt 75 Liter) muss ich schlussendlich zurückweisen, weil es nach meinem Dafürhalten zu viel Dreck und Wasser in der Flüssigkeit hat.Bei Dj (Mann im Bild) buchen wir für den nächsten Tag eine eintägige Tour. Das Ganze kostet uns umgerechnet 35 Schweizer Franken und beinhaltet ihn als Führer, Auto, Fahrer, Mittag- und Abendessen. Dj ist auf Bawean aufgewachsen und weiss uns viel zu erklären. Es gibt viele Moscheen in Indonesien. Uns fällt aber auf, dass nicht überall der islamische Gebetsruf gleich oft und in der gleichen Intensität vom Minarett aus über die Dächer schallt. Dj erklärt uns, dass in einigen Gegenden die Gläubigen sehr viel Rücksicht nehmen aufeinander, andersgläubige Menschen respektieren. Hier in Bawean erinnern die Muezzins mit ihrem Aufruf zum Gebet nur bei Tageslicht, und nicht auch noch in späten Abendstunden und mitten in der Nacht. Ihr Gebetsgesang tönt auch viel schöner und harmonischer als andernorts.Baugerüst auf indonesische Art. Bambus ist zwar sehr stabil und tragfähig, trotzdem scheint uns das etwas wackelig.Das Leben auf dem Land ist sehr einfach.Nicht ganz SUVA konform: Reparatur einer elektrischen Leitung über einem Bachbett.Der Ausflug führt uns zu einem bei den Einheimischen als spiritueller Ort bekannten Wasserfall (Gherujhukan Laccar).Mittagessen beim Wasserfall bestehend aus gebratenem Hühnchen, Reis und Gemüse. Gegessen wird traditionell auf einer Holzbühne, die man überall vor Häusern, in Parks und an Ausflugszielen antrifft. Auf dem Bild unser Fahrer (vorne rechts) und Dj.Das Leben mag noch so einfach sein – die Indonesier sind sehr sauber.Die Reisfelder werden sehr sorgsam gepflegt und unterhaltenUnser Abendessen (oder eigentlich ist es ein spätes Nachmittagsessen) hat Dj an unserem letzten Ausflugsziel, einem See, eingeplant. Ganz nach indonesischer Gepflogenheit besorgt er unser Essen in einem Restaurant am Strassenrand. Eigentlich ist es ein Imbissstand mit spartanischer Küche, aus der aber sehr schmackhafte Grillade (in unserem Fall Fisch) gezaubert wird.Die Besitzerin des Restaurants möchte ein Bild machen mit uns – dafür zieht sie sich extra ein Kopftuch über.Unser letztes Ausflugsziel, der Lake Danau Kastoba, ein über hundert Meter tiefer Kratersee.Zum Abschluss möchte uns Dj noch sein Haus und seine Familie zeigen. Wir spüren förmlich, dass es ihm sehr wichtig ist, dass wir seiner Einladung Folge leisten. Sein aus Stein und Beton gebautes Haus ist relativ neu. Möbel gibt es noch keine, dazu hat das Geld bisher nicht gereicht. Die grüne Wolldecke wird extra für uns auf dem Boden ausgebreitet, denn nach indonesischer Sitte gebührt einem Besucher der beste Platz im Haus. Ein bewegender Moment: Dj’s Frau ergreift die Hand von Pia und sucht die Nähe zu ihr.
Noch auf Bawean entscheiden wir, dass wir die Reparatur der undichten Welle und die geplanten Unterhaltsarbeiten nicht in Jakarta, sondern definitiv in Singapur durchführen wollen. Jakarta wäre uns zwar lieber gewesen, da näher und wohl billiger, aber die fehlende Reaktion auf unsere Anfragen lässt uns daran zweifeln, dass es dort klappen würde. Das bedeutet für uns, statt nur noch 350 Seemeilen westwärts bis Jakarta mit einem gut segelbaren Am-Wind Kurs, doppelt so viele Seemeilen genau gegen Wind und Strömung. Also viel Motoren! Noch vor der Weiterfahrt wissen wir, dass wir unterwegs vermutlich nochmals einen Stopp einlegen müssen, um weiteren Treibstoff zu bunkern.
Proviant haben wir genügend an Bord – und dank flacher See fällt Pia auch das Brotbacken unterwegs nicht so schwer.Für den zweiten Tankstopp auf der ungeplanten Reise nach Singapore wählen wir eine Insel direkt auf unserer Strecke aus: Belitung, eine für die Bewohner der Grossstädte auf Java beliebte Feriendestination.Belitung ist bekannt für seine grossen Granitfelsen, die überall wie Skulpturen aus dem Meer ragen.Findige und geschäftstüchtige Einheimische haben erkannt, dass viele ausländische Yachten auf ihrer Weltumsegelung hier vorbeikommen und einen Zwischenhalt einlegen. Kurzerhand haben sie eine Yacht-Club gegründet und bieten ihre Unterstützung und Dienste an. Für uns organisieren die beiden «Unternehmer» Erwan und Eddie zum Beispiel Diesel in bester Qualität, direkt aufs Schiff geliefert. Wir werden gebeten, uns auf ihrer Besucherwand zu verewigen, was wir gerne machen.Eddie ist ganz stolz auf ein Bild mit Pia
Das Ausklarieren aus Indonesien nach Singapore haben wir in Batam, einer Nachbarinsel zu Singapore geplant. Bei einer Anfrage dort erfahren wir, dass die lokalen Behörden auf den Beizug von «Agenten» bestehen, die ihre «Unterstützung» anbieten zu einer unanständig hohen Geldsumme, die etwa 2 Monatslöhnen eines durchschnittlichen Arbeiters entspricht. Das ist reine Korruption, denn gemäss offiziellen Informationen der Regierung ist der Beizug von Agenten zum Ein- oder Ausklarieren nicht erforderlich. Wir lassen es die Behörden von Batam wissen, dass wir ihr Handeln als illegal betrachten. Wir entscheiden uns, bereits in Belitung auszuklarieren. Ein perfekter Entscheid!
Mit Hilfe eines von Eddie gemieteten Motorrollers klappern wir alle 4 erforderlichen Ämter (Gesundheit, Zoll, Immigration und Hafenmeister) ab.Beim Zoll werden wir sogar mit einem frisch gebrühten indonesischen Kaffee verwöhnt, während wir auf die Dokumente warten.Soeben sind wir zum Belitung Yachtclub zurückgekehrt, ausklariert und bereit für das letzte Teilstück nach Singapur. 350 anstrengende und anspruchsvolle Seemeilen warten auf uns – aber die Moral der Crew ist gut!Die Strecke nach Singapore (schwarze Linie) verläuft entlang der Ostküste von Sumatra durch die Natuna See. Hier erwarten uns starke Strömungen und flaches Wasser mit vielen Untiefen und Inseln. Das Bild zeigt die Strömung in diesem Gebiet zu einer bestimmten Zeit, wobei Grün leichte Strömung, Gelb mittlere und Rot starke Strömung bedeuten. Mit Gezeiten und Windstärke verändern sich deren Richtung und Stärke. Wir wissen: die meiste Zeit ist die Strömung gegen uns, der Wind ist es in dieser Jahreszeit immer. Aber: da der Wind eher schwach ist dürften die Wellen nicht zu hoch sein. Immerhin etwas!Je mehr wir uns Singapore nähern, umso intensiver wird der Schiffsverkehr. Die grossen Frachter bereiten uns keine Sorgen. Mühsamer sind da eher die Fischerboote aus Holz, die man auf dem Radar nicht erkennen kann, oder dann diese Schleppverbände: ein relativ kleiner Schlepper, der in einem Abstand von ungefähr 500 Metern ein riesiges Floss hinter sich herzieht. Geraten wir da mit unserem Segelboot dazwischen – dann wird’s lebensgefährlich.Nebst den oben beschriebenen Herausforderungen plagen uns auch immer wieder heftige Gewitter, die für diese Region in dieser Jahreszeit ganz normal sind. Unsere Aufmerksamkeit wird stark beansprucht.Ein kleiner Nebeneffekt unserer unplanmässigen Reise nach Singapore: wir haben keine Gastlandflagge an Bord. Kurzerhand schnappt sich Pia eine andere an Bord befindliche Flagge, schnippelt da den blauen Teil weg, so dass nur noch die rote und weisse Fläche übrigbleiben, und näht dann darauf aus weissen Stofffetzen Mond und Sterne, welche die Singapore Fahne zieren.Am 27. November 2021 haben wir auf dem Weg von Panama nach Galapagos den Äquator von Norden nach Süden überquert. Seither haben wir uns auf der Südhalbkugel aufgehalten. Nach ziemlich genau 4 Jahren, am 18. November 2025, überfahren wir den Äquator erneut, diesmal von Süd nach Nord – wir sind zurück auf der Nordhalbkugel. Der Pfeil zeigt den Moment, wo wir bei 104 Grad und 12.656 Minuten östliche Länge über die Nulllinie fahren.Letzter Sonnenuntergang, die letzte Nacht auf See beginnt. Die Fahrt von Belitung nach Singapore verläuft absolut problemfrei, und trotzdem wird sie eingehen in eine unserer unbeliebtesten Fahrten, denn praktisch die ganze Zeit brauchen wir den Motor. Ohne dessen eisernen Schub würden wir uns jetzt noch mit Aufkreuzen abmühen. Einmal mehr sind wir uns bewusst, welche enormen Leistungen die Segler vor der Motorisierung vollbracht haben.Bei Tagesanbruch legen wir vor der Einfahrt in die sehr stark befahrenen Verkehrsgebiete von Singapore einen kurzen Zwischenstopp ein und lassen uns treiben: die Gastlandflagge von Singapore und die gelbe Q Flagge (Quarantäne) wollen gesetzt werden.Am 19.11.2025, um 9 Uhr, erreichen wir nach fast 70 Stunden Motorfahrt den Hafen von Singapore. Das Bild zeigt den markanten Leuchtturm der Raffles Marina mit der malaysischen Stadt Johar im Hintergrund.Während wir die Arbeiten für unsere Lupina und die Flüge für unsere Weihnachtspause in der Schweiz organisieren, bleibt uns genügend Zeit, die Infrastruktur einer der berühmtesten Marinas zu geniessen.
Ursprünglich wollten wir das Schiff gleich nach unserer Ankunft aus dem Wasser holen. Die Leckage an der Welle hat sich aber in den letzten Tagen deutlich reduziert, und die automatische Bilgen Pumpe fördert das eindringende Wasser mühelos und zuverlässig aus dem Schiffsbauch. Hauptgrund für die Planänderung ist aber eine blockierte Bankzahlung. Verständlicherweise verlangen Unternehmen in der Schifffahrtsbranche eine Anzahlung, bevor sie mit ihrer Arbeit beginnen. Diese haben wir via Bankzahlung auch getätigt, aber das Geld ist nicht beim Unternehmen eingetroffen. Unsere Nachforschung ergibt, dass eine bankinterne KI-Software unsere Zahlung als mögliche Umgehung eines Embargos gegen Syrien identifiziert hat, da die Buchstaben SY nebst Segel Yacht auch als Abkürzung für Syrien stehen. Die Amerika hörige Grossbank UBS lässt grüssen – bis heute ist es uns nicht gelungen, die Zahlung frei zu bekommen.
Lupina bleibt bis zu unserer Rückkehr Mitte Januar 2026 in der Raffles Marina, Singapore. Erst dann wird sie aus dem Wasser geholt für die Reparatur der Wellendichtung und den geplanten Unterhalt.
An dieser Stelle schliessen wir das Segeljahr 2025 ab und freuen uns auf ein paar Wochen mit unseren Familien und Freunden in der Schweiz. Euch allen wünschen wir einen schönen Rest des Jahres und freuen uns darauf, euch auch im kommenden Jahr mit an Bord nehmen zu dürfen. Als kleines Geschenk an euch werden wir in der Festtagszeit das bisher nicht veröffentlichte Video unserer Landreise ins Herz von Australien hochschalten.
Es bleibt spannend! Folge der Lupina im Kielwasser!