Auge in Auge mit Zyklon Alfred

1. – 21.3.2025

Im letzten Beitrag haben wir vom drohenden Zyklon Alfred geschrieben und unserer Absicht, vom Ankerplatz auf der etwas vom Wind ungeschützteren Flussseite in die Yamba Marina gegenüber zu verlegen. Bevor wir das machen, geniessen wir aber noch eine halbtägige Wanderung durch tropischen Regenwald an den spannenden und wilden Strand beim «Iluka Bluff». Wir sind nicht die Einzigen. Die bei Ebbe zurückbleibenden Tümpeln auf den flachen Felsen werden von Einheimischen gerne als natürlicher Pools genutzt.
Die Felsformationen hier sind ganz speziell und der Boden gleicht einem künstlich verlegten Natursteinboden. In dieser Gegend gab es früher viele Steinbrüche, wo gutes Baumaterial für Häuser und Meerverbauungen mit relativ geringem Aufwand gewonnen werden konnte.
Auf der Suche nach dem Ursprung der Steine sind wir auf Interessantes gestossen: nach heutigem Kenntnisstand gab es früher eine riesige Erdplatte, Gondwana genannt (gestrichelt umrandetes Gebiet auf dem Bild). Diese umfasste im Wesentlichen Südamerika, Afrika, Antarktik, Australien, Indien und Saudi-Arabien. Vor rund 66 Millionen Jahren schlug im nördlichen Bereich des heutigen Mexiko ein Asteroid ein, der diese Erdplatte aufbrach, ähnlich einem Stein, den man auf eine dünne Eisschicht wirft. Man vermutet, dass zu diesem Zeitpunkt auch die meisten Dinosaurier die extremen klimatischen Veränderungen nicht überlebt haben. Nur eine grössere Gruppe dieser archaischen Tiere überlebte in der Gegend von Australien: bodenbrütende Vögel. In der Folge drifteten die Bruchstücke voneinander weg und entsprechend entwickelten sich die Tiere unterschiedlich (Beispiel: Strausse in Afrika – Emus in Australien). Während die Antarktik südlich driftete und überfror, bewegte sich Australien nördlich und blieb in der Folge isoliert, traf auf keine andere Erdplatten auf. Einher mit der Verschiebung der australischen Erdplatte gab es massive klimatische Veränderungen. Man geht davon aus, dass praktisch der ganze Kontinent früher von einem riesigen, zusammenhängenden Urwald bedeckt war. Heute ist der grösste Teil des Kontinents Wüste, und nur ein rund 200 Kilometer breiter Gürtel entlang der Küste ist grün geblieben.
Vom drohenden Zyklon merken wir noch nichts: Himmel und Meer im Wettstreit um das schönste Blau.
Schönes Wetter – und wir noch entspannt.
Auch dieser Kerl, den wir unterwegs antreffen, nimmt es total locker.
Der Regenwald zum «Iluka Bluff» ist bekannt für seinen Vogelreichtum und wir erhoffen uns, einige exotische Exemplare zu sichten. Aber es ist die falsche Tageszeit und es ist weitgehend stumm in den Baumkronen. Was uns aber fasziniert sind diese «doppelten» Bäume. Sie entstehen, wenn ein grosser Baumstamm von einem Feigenbaum langsam umwachsen wird. Der Name des Feigenbaums sagt alles: Würge-Feige. Der gesunde Baum wird langsam erdrosselt und stirbt ab. Nun würde man meinen, das sei schädlich für den Wald. Dem ist jedoch nicht so. Der Prozess ist sehr langsam und die Würge-Feige trägt dazu bei, dass es im Regenwald viel Totholz und entsprechend eine hohe Diversität an Lebensräumen gibt.
Am Sonntag, 2. März 2025, verlegen wir in die Yamba Marina
Die Yamba Marina ist ein perfekter Schutz für uns! Sie liegt in einem toten Arm des Clarence Rivers. In den 1950er Jahren wurde der Flusslauf durch einen Leitdamm (gelb gestrichelt markiert – bei Flut leicht überspült) kontrolliert. Dadurch wurde die Überschwemmungsgefahr für die südliche Uferseite und insbesondere Yamba gebannt. Über die Jahre hat sich sogar eine Sandinsel aufgebaut, die heute überwachsen ist. Die Marina bietet uns also perfekten Schutz vor Wellen, die sich bei Sturm und offenem Gewässer gefährlich hoch aufbauen könnten. Auch Hochwasser kann uns nicht viel anhaben, da das Gebiet um uns herum total flach ist.
Unsere Lupina ist in Sicherheit – der Zyklon kann kommen. Wir können es etwas entspannter angehen.
Es ist der 4. März. In der Distanz nordostwärts rasende Wolken, das Meer beginnt unruhig zu werden. Trotzdem können wir noch bedenkenlos auf den südlichen Schutzwall spazieren.
Auch oben vom Leuchtturm aus wirkt die Flusseinfahrt mittlerweile aufgewühlt. Noch ist der Himmel nur leicht bewölkt.
Der Wind pfeift mittlerweile mit konstant mehr als 20 Knoten. Trotzdem sind die Wellen noch nicht furchterregend.
Am 5. März sieht die Einfahrt schon gefährlicher aus. Der Wind lässt nicht mehr nach, nimmt eher weiter zu.
Die Flusseinfahrt am 6. März – jetzt würden wir nicht mehr durchfahren wollen. Nun sind es permanent 25 Knoten und mehr.
Die See staut sich am Ufer auf. Zum Glück ist das Ufer hier felsig. Später sehen wir im TV, dass an der etwas nördlich gelegenen Gold Coast der Sandstrand über mehrere Kilometer einfach weggespült wurde.
Wir bleiben ruhig, prüfen aber dauernd die letzten Meldungen zum Verlauf des Zyklons und die entsprechenden Wetterwarnungen.
Das Bild zeigt die Entwicklung der Situation. Oben links im Bild jeweils das Datum, an welchem das Wetter von uns abgerufen wurde. Bis Ende Februar sah es so aus, als ob der Zyklon weiter im Norden aufs Land trifft. Dann beginnt er sich aber südwärts zu bewegen, dreht wieder aufs Meer hinaus und kann dort neue Energie aufnehmen. Die Windvorhersachen für unseren Standort bewegen sich im Bereich um die 30-40 Knoten. An und für sich nichts Dramatisches, aber sehr ungemütlich, wenn dieser Wind über mehrere Tage permanent auf diesem Niveau bleibt!
Ab dem 6. März entschliesst sich der Zyklon endlich, in der Nähe von Gold Coast an Land zu gehen. Er bewegt sich aber sehr langsam und der Wind bleibt entsprechend über längere Zeit hoch. Erst in der Nacht zum Samstag, 8. März lässt das Heulen über uns nach und die Fender, die unsere Lupina die ganze Zeit vom harten Steg fernhalten mussten, können langsam aufatmen.
Der Starkwind ist vorbei, nun setzt aber ein 3-tägiger, heftiger Dauerregen ein.
Die lokale Bevölkerung hat sich für das Schlimmste vorbereitet. Zum Glück wird es dann aber in unserem Bereich des Clarence Rivers nicht so heftig. Aber immerhin: Yamba bleibt für fast 1 Woche wegen Überschwemmung der einzigen Zufahrtstrasse weiter flussaufwärts von der Umwelt abgeschnitten.
Auch 2 Tage nach dem heftigsten Wind rollen immer noch mehrere Meter hohe Wellen auf das Ufer zu. Ein Hinausfahren über die Barre immer noch unmöglich. Wollen wir auch nicht, denn der Fluss bringt sehr viel Treibholz, darunter zum Teil grosse Baumstämme.
Treue Begleiter in der schlimmsten Zeit: Rauchschwalben wettern auf dem Nachbarschiff ab.
Der Sturm ist vorbei – wir feiern mit einem feinen Frühstück im Café der Marina.
Nachdem die überflutete Strasse wieder frei ist, mieten wir uns ein Auto, fahren flussaufwärts und erkunden das Hinterland. Eine Woche nach dem Sturm sieht alles so schön idyllisch und harmlos aus.
Das Wahrzeichen des regionalen Hauptortes Grafton: der Glockenturm
Dieser mächtige Baum mitten in der Stadt hätte sicher viel zu erzählen. Die Gegend wurde erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts von europäischen Auswanderern besiedelt. Vorher teilten sich 2 Stämme von Ureinwohnern das Flachlandgebiet in diesem Bereich des Clarence Flusses. Die Entdeckung des «roten Goldes», wertvolles Zedernholz, durch einen entflohenen Sträfling 1831 brachte rasch viele Holzfäller in die Gegend. Grafton entwickelte sich in der Folge rasch zum wohlhabenden, florierenden Zentrum dieser Region des Clarence Flusses.
Grafton: das Clubhaus des lokalen Ruder Clubs bleibt auch 5 Tage nach dem heftigen Regen unzugänglich.
Grafton: die erste Polizeistation aus 1847 ist noch sehr gut erhalten.
Grafton: kurze Wege – gleich neben der Polizeistation das heute noch genutzte Gerichtsgebäude.
Wieder etwas flussabwärts der kleine, schmucke Ort Ulmarra mit einigen sehr gut erhaltenen, historischen Gebäuden.
Neben dem Ulmarra Hotel hat es ein paar alte grosse Bäume, aus deren Kronen ein mächtiger Lärm an unsere Ohren dringt. Was hängt da an den Zweigen??
Die Auflösung: hunderte von Flughunden, Vertreter der grössten Fledermausarten.
Von Ulmarra aus fahren wir rechtwinklig vom Fluss weg ins Hinterland. Das Land ist hier sehr flach und überall noch überschwemmt.
Letzte Station, bevor wir wieder nach Yamba zurückfahren: das von Schotten gegründete Städtchen Maclean. Die Telefonmasten im Örtchen sind von den einzelnen Familien in den Farben und im Muster des Familienwappens bemalt. Eine Tradition die bis heute stolz gepflegt wird.
Mitten in der Fussgängerzone von Maclean entdecken wir eine ungefähr 15 Zentimeter grosse Stabheuschrecke.
Dort, wo das Wasser das Land wieder hergibt, entdecken wir viele dieser rund 2-3 Zentimeter grossen Soldatenkrabben, die sich aus dem Schlamm buddeln.
Die ausschliesslich an der Ostküste Australiens vorkommenden Blauen Soldatenkrabben verdanken ihren Namen den grossen, zuweilen aus einigen tausend Tieren bestehenden Armeen, die sich meist in rasch veränderlichen Formationen im Uferbereich fortbewegen.
Fast verpassen wir die Mondfinsternis vom 14. März. Der Himmel wäre zwar absolut wolkenlos, aber wir entdecken das Phänomen erst kurz vor seinem Ende. Schade!

Wieder eine schöne Begebenheit: während der Zyklon Zeit werden wir von vielen befreundeten Segler kontaktiert, die uns mit Rat und moralischer Unterstützung zur Seite stehen. Der ungewöhnlichste Kontakt aber findet in Iluka statt. Im Verlauf einer Diskussion über den Zyklon in einer Facebook Gruppe wird Pia von einer uns unbekannten Frau angeschrieben. Sie schreibt, sie sehe uns vom Ufer aus und wir könnten uns gerne an sie wenden, falls wir irgendwelche Unterstützung brauchen. Hilfe brauchen wir glücklicherweise nicht, finden das Angebot aber sehr sympathisch und verabreden uns mit Ellen, wie die unbekannte Frau heisst, und ihrem Mann Michael zu einem Frühstücksbrunch.

Mit der kleinen Fähre, die pro Tag 4-mal zwischen Yamba und Iluka hin und her pendelt, fahren wir am Samstag vor unserer Weiterreise rüber nach Iluka zum Brunch bei Ellen und Michael.
Anlandestelle der Fähre in Iluka. Pia strahlt: für einmal braucht sie sich nicht um das Frühstück zu kümmern.
Es stellt sich heraus, dass Ellen und Michael ebenfalls leidenschaftliche Segler sind. Sie haben von 2018 bis 2022 sogar in einem selbst entworfenen und eigenhändig gebauten Katamaran die Welt umrundet. Logisch, dass es da nebst einem ausgedehnten Frühstücksbrunch auch viel zu erzählen gibt.
Ein Prosit auf das Seglerleben! Vielen Dank, Ellen und Michael, für eure Gastfreundschaft! Die Früchte auf dem Tisch sind übrigens alle aus dem eigenen Garten!!

Das Wetter ist einfach nicht normal in diesem Jahr. In dieser Gegend sollte sonst zu dieser Jahreszeit regelmässig immer wieder eine stabile Südostwind Lage herrschen. Nach dem Zyklon dauert es aber mehr als eine Woche, bis wir für gerade mal etwas mehr als einen Tag den Wind bekommen, der uns ohne mühsames Aufkreuzen nach Norden bringt. Unser nächstes Etappenziel ist die rund 100 Seemeilen entfernte Gold Coast – also da, wo der Zyklon auf Land getroffen ist. Für eine Tagesfahrt ist diese Distanz zu gross und wir entscheiden uns für eine Nachtfahrt. Am Dienstag, 18. März 2025, laufen wir zur Flutzeit bei leicht einlaufender Strömung aus der Marina aus und nehmen bei einer recht heftigen Kreuzsee die Fahrt nach Norden in Angriff. Der Wind kommt etwas mehr aus Süden, als angesagt. Daher bläst er mehr von hinten auf das Schiff als erwartet. Wir hätten lieber seitlichen Wind, weil das Schiff bei diesem Wellengang stabiler laufen würde. Aber wir machen gute Fahrt und erreichen kurz nach Tagesanbruch unser Ziel. Wir ankern direkt nach der Buchteinfahrt hinter einer Insel mit dem vielsagenden Namen «Wave Break Island». Die Insel wurde künstlich angelegt, um den Schwell, der durch die Einfahrt in die Bucht hineinläuft, zu stoppen. Und sie macht das tatsächlich sehr effizient: wir liegen absolut ruhig.

Welche Spuren Zyklon Alfred in Gold Coast hinterlassen hat und was wir weiter erleben, schildern wir in unserem nächsten Bericht. Es bleibt spannend! Folge der Lupina im Kielwasser!

Gewusst? Australien ist das einzige Land der Welt, das gleichzeitig auch ein Kontinent ist. Flächenmässig ist Australien das sechstgrösste Land. Die Flagge zeigt nebst dem Sternbild «Kreuz des Südens» den Union Jack, die Nationalflagge des Vereinigten Königreiches Grossbritanniens und Nordirland, dessen Kolonie Australien bis 1901 war und an das es weiterhin durch seine Mitgliedschaft im Commonwealth lose gebunden ist.

3 Antworten auf „Auge in Auge mit Zyklon Alfred“

  1. carissimi
    was für ein interessanter und spannender bericht. danke fürs teilhaben.
    toll nochmals zu lesen, dass ihr den sturm so gut überstanden habt.

    solche begegnungen, wie mit ellen und michael,
    sind doch elixier für herz und seele. toll.

    weiterhin allzeit gute fahrt und immer eine handbreit wasser unter dem kiel!

    un abbraccio
    morena

    1. Ja Liebe Morena, wir sind glücklich alles gut überstanden zu haben. Und, es ist wirklich immer wieder so schön, egal wo, spannende und liebenswürdige Menschen kennen zu lernen! Danke, dass du mit uns dabei bist

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